Psychomotorik beschreibt Prozesse, die jedes Kind, jeder Mensch erlebt auf dem Weg zur Herausbildung einer Persönlichkeit, die sich durch Individualität und Identität auszeichnet.

Zu einer Persönlichkeit, die handelt, denkt und fühlt, die im kommunikativen Kontakt zur Umwelt steht und diese kreativ gestaltet. Sie ist das Zusammenspiel der sensomotorischen, der psychologischen und der kognitiven Entwicklung.

Betrachtet man die heutige Veränderung der Lebensumfelder unserer Kinder, so ist ein präventives psychomotorisches Angebot, im Kindergarten und Grundschulbereich, sinnvoll und notwendig.
Kinder benötigen die Unterstützung durch den Erwachsenen, ehe sie in ihrer Entwicklung Probleme zeigen und ihre personelle bzw. materielle Umgebung keine – oder nur unzureichende Möglichkeiten für ihre Persönlichkeitsentwicklung bietet.

Kinder brauchen für ihre Entwicklung (Spiel-)Räume…

… damit das Kind ein Wesen der Kommunikation werden kann, muss es erfahren, dass großen Wert auf seine Zeichen und seine Gesten gelegt wird. Wir müssen das Kind zu uns Erwachsenen in Beziehung, es das Wort ergreifen lassen. Es geht darum, dem Kind Verantwortung zu übergeben, es als Person anzuerkennen, es für sich, von seiner eigenen Geschichte sprechen zu lassen. Dem Kind einen Raum zur Kreation zu geben in dem es zusammen mit anderen spielen und kommunizieren kann, bedeutet einen Raum zu öffnen in dem demokratische Verhältnisse herrschen.
(B. Aucouturier)

In der Gruppenstunde im psychomotorischen Raum bieten wir den Kindern die Möglichkeit ausgehend von ihrem Körper und der Bewegung, über die Handlung und das Spiel zum Denken zu gelangen. Nur was handelnd erlebt wurde, kann auch gedacht werden.

Psychomotorische Praxis bedeutet, den Kindern die Erfahrungsräume ihrer Entwicklung zur Verfügung zu stellen.

Der Raum ist in der Psychomotorischen Praxis Aucouturier in zwei Bereiche gegliedert:

1. Bereich des sensomotorischen Ausdrucks

2. Bereich der Repräsentation

Sensomotorischer Ausdruck

Im Bereich des sensomotorischen Ausdrucks probieren sich die Kinder über die Mobilisierung im Raum aus. Sie spielen Spiele um Nähe und Distanz. Sie reaktualisieren ihre Allmachtsphantasien. Sie spielen die Spiele der tiefgreifenden Rückversicherung und versichern sich so des Halts ihres Körpers. Die Kinder spielen mit Gleichgewicht und Ungleichgewicht; sie versichern sich so ihrer Körperachse und ihrer beiden Körperseiten. Sie spielen den Verlust der Stabilität, um über die Instabilität eine neue Qualität der Stabilität zu erlangen.

Diesem scheinbar „sinnlosen Toben“ folgt in der Regel durch die vorangegangenen Reaktualisierungen der Zugriff auf die inneren Bilder des Kindes. Symbolisches Spiel wird möglich und Aktivitäten strukturieren sich. Aus Bewegungsbausteinen werden Pferde, Autos, Freunde, Gegner etc.
Sprunggruben werden Moore, Seen, Ozeane. Konstruktionen im Raum entstehen und werden Höhlen, Häuser, Burgen. Gespenster werden vertrieben und Drachen getötet.

Denn es gibt keine Handlung ohne Grund, und das was ein Kind spontan tut, entspricht immer seinen tiefen Motivationen. An uns liegt es zu verstehen, was dieses Tun wirklich ausdrückt ­ und darauf durch unser eigenes Tun zu antworten.
(B. Aucouturier)

Repräsentation

Der Übergang von der Phase des sensomotorischen Ausdrucks in die Phase der Repräsentation wird vom Erwachsenen durch eine Geschichte gestaltet. Die Geschichte dient der Mentalisierung der Bewegungen, Handlungen und erlebten Emotionen. Der Erwachsene erzählt eine kurze Geschichte, in der die Kinder ihre Themen wiederfinden. Die Kinder gestalten die Geschichte mit, finden Worte für Emotionen… es ist ihre Geschichte.

Im Bereich der Repräsentation geht es um die Gestaltung, den Ausdruck der inneren Bilder. Die Kinder bekommen die Gelegenheit, zu malen, zu modellieren oder mit Holzbausteinen zu konstruieren. Über diesen Weg können sie zu ihren Emotionen Distanz nehmen, die Perspektive und damit den Blick auf sich selbst verändern.
Deutungen gegenüber dem Kind finden nicht statt. Die PsychomotorikerInnen sind bemüht, die Kinder in eine Dynamik der Lust zu versetzen, sich während der Repräsentationsphase selbst mitzuteilen und Worte für ihre Darstellungen zu finden. Es wird erinnert, gruppiert, bewertet, in Beziehung gesetzt; das Kind lernt, ohne Handlung zu denken. Ausgehend davon, dass die Zeichnungen und Konstruktionen Ausdruck der inneren Bilder die Kinder sind, wird den Kindern gegenüber eine große Wertschätzung ihrer Kreationen entgegengebracht. Die PsychomotorikerInnen machen den Kindern deshalb deutlich, dass wir erwarten, dass sie ihre Werke der Repräsentation nicht zerstören.
Den PsychomotorikerInnen kommt die Aufgabe zu, die Handlungen der Kinder in einer zuhörenden Haltung zu begleiten. Sie teilen die Lust und die Emotionen der Kinder, sind ihr symbolischer Spielpartner und symbolischer Spiegel.

Das wesentliche Grundprinzip, auf dem unser ganzes Konzept beruht, ist die ständige Anpassung an die Entwicklung des Kindes, nicht des Kindes im allgemeinen, sondern dieses einen Kindes, das hier vor uns ist, gerade in diesem Augenblick, mit seinem genetischen Potenzial, seiner psychologischen Vergangenheit und seiner existenziellen Zukunft. Dadurch ist jede Nachahmung eines Modells ausgeschlossen.
(B. Aucouturier)

Es ist auch Aufgabe der Erwachsenen in der Gruppe, durch klare, einfache Regeln der Gruppenstunde einen stabilen Rahmen zu geben. Sie werden vor jeder Stunde wiederholt.
Diese Wiederholung stellt für die Kinder die Verlässlichkeit des stabilen Rahmens dar für eine Stunde, in der es viel Instabilität im Sinne von Veränderung gibt.

Gekürzte Fassung von Winfried Doering; „Psychomotorische Praxis Aucouturier als präventives Gruppenangebot“ in: Bernard Aucouturier/Gérard Mendel „Was bewegt ein Kind“, Bremen 2001 ISBN 3-934557-00-7